Neue Bierkultur im Ruhrgebiet

Die deutsche Bierkultur ist im Umbruch. In Bier & Brauhaus stellen wir einige der Menschen vor, die für diese Entwicklung verantwortlich sind. Dieses Mal aus dem Ruhrgebiet.
Bierkultur-Ruhrgebiet-– Bieragentur-Dortmund-Verkostung

Ruhrpottbrew, Bergmann und Bieragentur Dortmund

Die deutsche Bierkultur ist im Umbruch. Derzeit vergeht in Deutschland kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in der Nation eine neue Bierbar, ein neues Fachgeschäft oder eine neue Brauerei (oder zumindest eine neue Biermarke) entsteht. In dieser Geschwindigkeit hat es eine ähnliche Entwicklung in Deutschland wohl seit der Erfindung der Eismaschine nicht mehr gegeben. Oder noch nie. Um dieser bemerkenswerten Zeit Tribut zu zollen, stellen wir in B&B einige der Menschen vor, die für diese Entwicklung verantwortlich sind – dieses Mal aus dem Ruhrgebiet.

Ruhrpottbrew, Oberhausen

Die Ruhrpottbrewery wurde im Juli 2016 von Tobias Palmer und Silke Terlinden gegründet. Tobias ist Brauer, er entwickelt die Rezepte und braut die Biere. Silke ist Rechtsanwältin. Die Ruhrpottbrewery verbindet Brauerei und Shop, der im Oktober eröffnet wurde. Neben den drei eigenen Bieren (Pils, Honey Pepper Ale und Scottish Ale) gibt es hier 200 bis 250 Craftbiere aus aller Welt: USA und Kanada ebenso wie Österreich, Estland und Italien. Die eigenen Biere werden mittlerweile auch anderswo verkauft, zum Beispiel bei Edeka, Rewe oder der Trinkhalle Bochum (siehe Seite 20 bis 23). Auch (stark nachgefragte) Bierverkostung bieten die beiden an. „Wir haben die Ruhrpottbrewery gegründet“, sagen sie, „weil es im Ruhrgebiet früher sehr viele kleine bis große Brauereien gab und wir diese Biertradition wieder neu beleben wollen.“ Noch braut Tobias im Brauhaus Rütershoff in Castrop-Rauxel. Langfristiges Ziel ist eine eigene Brauerei.

Hopfenfeste, Gelsenkirchen, Recklinghausen, Bochum

Oliver Daniel Sopalla kocht für sein Leben gerne. So hat der Leiter der Kommunikationsagentur Go Between im Jahr 2008 „Die neue Ruhrgebietsküche“ erdacht, mit der er unter anderem auf der Internationalen Tourismusbörse vertreten war. 2013 folgte das Weinfestival „Weine vor Freude“ in Bochum mit einem urbanen und modernen Ansatz – und circa 3.000 Besucher pro Jahr. Zusammen mit seinem Kollegen Philipp Pöss, der für Bier schwärmt, kamen die beiden dann recht bald auf die Idee, ein modernes Fest auch zum Thema Bier auf die Beine zu stellen. Da passte es gut, dass die Macher des Zentrums für Kunst und Kreativität am Dortmunder U sie ansprachen, da sie sich ein Bierfestival als Abschluss ihrer Kunstausstellung zum 500-jährigen Jubiläum des Reinheitsgebots wünschten. Gemeinsam veranstalteten sie das erste Festival der Dortmunder Bierkultur, das im vergangenen Jahr 11.500 Besucher anzog und in diesem 18.000. Weil es so gut lief, organisierten Oliver und seine Kollegen in diesem Jahr je ein Hopfenfest in Gelsenkirchen, in Recklinghausen und in Bochum. Dabei waren unter anderem die Brooklyn Brewery, Stone Brewing, Jacob Stauder und Crew Republic, dazu Onkel Bier, Propeller oder Vormann. Auch die Hopfenfeste waren ein voller Erfolg mit etwa um die 10.000 Besuchern pro Fest. Für 2018 sind Oliver und Philipp mit weiteren Städten im Gespräch.

Brauerei Bergmann, Dortmund

Im Rahmen des großen Dortmunder Brauereiensterbens stellte auch die Bergmann Brauerei im Jahr 1972 die Produktion ein. Irgendwann erloschen auch die Markenrechte, die der Lebensmitteltechniker Dr. Thomas Raphael 2005 aus einer Laune heraus für 300 Euro erwarb. Aus Nostalgie (und weil die Rechte sonst wieder verfallen wären), ließ er von einer Brauerei einen kleinen Sud brauen, abfüllen und verkaufte ihn unter dem Namen der Bergmann Brauerei. Es stellte sich heraus, dass er nicht der einzige Biernostalgiker in der Gegend war. Und auch das Motto passte gut: Harte Arbeit, ehrlicher Lohn. Nach und nach stieg das Interesse, bis im Jahr 2010 Bergmannbier erstmals wieder in Dortmund auf einer kleinen Anlage gebraut wurde. Auch ein Büdchen in der Innenstadt hat Thomas gekauft, in dem Bergmannbier verkauft wird und das mittlerweile Kultstatus erworben hat. Mittlerweile ist die alte Brauerei zu klein geworden. Und so eröffnet im September die neue Bergmann Brauerei im alten Industrieviertel des Dortmunder Vororts Hörde, gleich neben einem alten Hochofen.

Bieragentur Dortmund

Im Sommer 2014 haben sich Ferdinand Laudage, Markus Maurer und Christian Wolf auf einer Grillparty getroffen und ihrem Unmut darüber Ausdruck verliehen, dass das Thema Craftbier noch nicht im Ruhrgebiet angekommen ist, noch nicht einmal in der alten Bierhauptstadt Dortmund. Um dies zu ändern, gründeten sie im November desselben Jahres die Bieragentur Dortmund. Christian ist gelernter Brauer, Markus und Ferdinand sind Hobbybrauer. Sie führen vor allem Brauseminare und Bierverkostungen durch, beraten die Industrie und sehen sich als Bindeglied zwischen den kleinen Brauereien sowie den Einzelhändlern und Gastronomen im Ruhrgebiet. Zusammenarbeit ist für sie wichtig. So reisen sie auch durch die Region und bieten ihre Seminare zum Beispiel im Brauhaus Gleumes in Krefeld oder bei Ruhrpottbrew in Oberhausen an. Im „Kumpel Erich“ im Dortmunder Kreuzviertel organisieren sie eine Tastingreihe mit sechs Bieren und drei Menügängen. Zudem brauen sie regelmäßig in Dortmund bei „Mit Schmackes“, dem Restaurant vom Ex-BVB-Profi Kevin Großkreutz. Die Resonanz von Kunden und Geschäftspartnern ist „sehr gut“, sagt Ferdinand. Er findet, dass sich im Ruhrgebiet in Sachen neuer Bierkultur schon vieles getan hat, dass aber auch noch einiges passieren wird. Wünschenswert wäre, meint er, wenn mehr Gastronomen sich ein Herz nehmen und auch mal bedingungslos auf kreative Biere setzen würden. Da fehle oft noch der Mut. Aber auch das Wissen. Mittlerweile hat sich Christian als „Brauwolf“ sozusagen selbstständig gemacht. Zurzeit organisiert er zusammen mit den Machern der Frankfurter Bierbar naïv das Craft Beer Festival am 13. und 14. Oktober in Essen. Ferdinand arbeitet jetzt Vollzeit in der Bieragentur. Vor Kurzem hat er das Buch „Craft-Bier einfach selber brauen“ veröffentlicht. Markus arbeitet tagsüber (noch) als Apotheker und leitet abends die Verkostungen.

Bierrevier, Bochum

Im September wird Gerd Ruhmann in Bochum das „Biergebiet“ eröffnen, einen Multitap, wie er es nennt, in dem es auch Brauseminare, Verkostungen und andere Bierevents geben wird und das zudem jungen Künstlern als Galerie dienen soll. Gerds Credo lautet: „Bier wird durch Transport nicht besser.“ Deshalb wird er überwiegend Biere regionaler Brauereien am Hahn haben – allen voran Biere befreundeter Brauer. „Es wird kein Fiegeeck reloaded“, sagt Gerd, wenngleich es durchaus auch das in Bochum heimische Bier geben wird. Aber die Eckkneipen alten Stils hätten sich, auch im Zuge der „Warsteinerisierung des Geschmacks“, nach und nach überlebt, meint Gerd. Bei den Events sollen Bierbrauer aus der Region eingeladen werden, um ihre Biere vorzustellen. „An Qualität fehlt es ja in der Gegend nicht“, betont Gerd. In der Pächterwohnung will er ein Atelier einrichten, in dem Künstler aus aller Welt einige Zeit wohnen, arbeiten und ihre Werke dann in der Bar ausstellen können. Zudem plant Gerd einen Hobbybrauerstammtisch Ruhrgebiet, bei dem der Austausch zwischen den Hobbybrauern und ihre Expertise gefördert sowie zum Beispiel Hospitationen in Brauereien organisiert werden sollen. Interessenten können sich unter biergebiet@gmail.com melden.

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